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Melitta Kirby 1802

Sägehornbienen

Verbreitung

Die Gattung Melitta ist mit 43 Arten in der Paläarktis, im südlichen und östlichen Afrika und in der Nearktis verbreitet (Warncke 1973, Michener 1979, Eardley & Kuhlmann 2006, Michez & Eardley 2007). Aus Deutschland sind 6 Arten bekannt. In Deutschland dürfte Melitta haemorrhoidalis die häufigste Art der Gattung sein, während M. dimidiata extrem selten ist.

Äußeres Erscheinungsbild

Größe: 10–14 mm. Sägehornbienen sind dunkel gefärbt und haben unauffällig schmale bis auffallend breite, helle Haarbinden auf den Tergiten. Die Vorderflügel haben drei Cubitalzellen, von denen die erste die größte und die zweite die kleinste ist. Der deutsche Gattungsname »Sägehornbienen« erklärt sich aus den Verdickungen der Antennenglieder bei den Männchen einiger Arten, wodurch die Antennen (Fühler) ein sägeartiges Aussehen haben (am deutlichsten bei M. haemorrhoidalis, nicht vorhanden bei M. dimidiata). Mit bloßem Auge ist dieses Merkmal allerdings schwer zu erkennen. Ein Blick durch das Makroobjektiv der Kamera erleichtert dies jedoch (siehe Abbildung des Männchens von M. haemorrhoidalis). Die Männchen sind in der Regel lang und zottig behaart (besonders deutlich bei M. dimidiata). Im Feld sind diese nach äußeren Merkmalen schwer von Andrena und Dasypoda abzugrenzen. Die Bahnflüge entlang der Pollenquellen der Weibchen sind aber eine gute Hilfe bei der Erkennung. Auch die Weibchen können mit Andrena verwechselt werden. Ihnen fehlen aber die Filzflecken (Fovea facialis) auf der Innenseite der Komplexaugen, außerdem der Flocculus (Haarlocke) an Trochanter (Schenkelring) und Coxa 3, was nur mit optischen Hilfsmitteln zu sehen ist. Zur weiteren Unterscheidung von Andrena: Der Pollen wird mit Nektar angereichert und in Haarbürsten der Hinterschiene und -ferse transportiert.

Melitta haemorrhoidalis Männchen

Melitta haemorrhoidalis, Männchen

Melitta tricincta Weibchen

Melitta tricincta, Weibchen

Melitta leporina

Melitta leporina, Männchen

Melitta nigricans

Melitta nigricans, Weibchen

Häufigkeit und Erkennung im Feld

In der Regel treten Melitta-Arten in ihren Lebensräumen in nur kleinen Populationen auf. Mit etwas Übung und vor allem unter Berücksichtigung des typischen Blütenbesuchs kann man alle heimischen Arten zumindest im weiblichen Geschlecht auch im Feld bis auf Artebene erkennen. Erschwert werden kann die Bestimmung aber dadurch, daß lokal Formen mit schwarz-braun behaartem Mesonotum (v. a. bei M. haemorrhoidalis und M. leporina) vorkommen.

Taxonomie und Bestimmung

Einen (englischen) Schlüssel für alle Arten enthält die Monographie von Michez & Eardley (2007); einen Schlüssel der westpaläarktischen Arten liefert Warncke (1973). Die deutschen Arten lassen sich mit Blüthgen (1930: 773) (dort fehlt lediglich M. melanura), Scheuchl (2006) sowie Amiet et al. (2007) bestimmen.

Jüngere Studien zeigen, daß die Melittidae eine paraphyletische oder polyphyletische Gruppe sind, von der sich die langzungigen Bienen ableiten oder daß sogar alle anderen Bienen von ihnen abstammen (Michener 2007). Dies wird vermutlich auch in einem zukünftigen, entsprechend modifizierten Stammbaum der Bienen sichtbar werden. – Baker (1965), dem Michener (2007) nicht folgt, hat für M. dimidiata eine eigene Gattung Pseudocilissa Radoszkowski 1891 abgetrennt.

Lebensräume

Das Vorkommen der Sägehornbienen in bestimmten Lebensräumen (Feldfluren, Magerrasen, Waldränder, Flußauen, Ruderalfluren) hängt u. a. von dem Vorhandensein ihrer Nahrungspflanzen ab. Dies bedeutet allerdings nicht, dass überall dort, wo ihre spezifischen Pollenquellen wachsen, auch die entsprechenden Melitta-Arten zu finden sind.

Nistweise

Alle Melitta-Arten nisten in sandigem oder lehmigem Boden. Über den Nestbau ist erst wenig bekannt. Malyshev (1923) hat zwei Nester von M. leporina beschrieben, von denen eines sieben Brutzellen aufwies. Nach seiner Schilderung liegt der Nesteingang im Zentrum eines konischen Hügelchens. Der Haupttunnel verläuft fast senkrecht etwa 10 cm in die Tiefe. Die Seitentunnel sind nur halb so lang, fast waagrecht und führen zu jeweils einer horizontalen oder schwach geneigten, eiförmigen Brutzelle. Deren Innenwandung ist mit einer dünnen, weißlich-grauen, wachsartigen Masse beschichtet. Diese Auskleidung stammt möglicherweise aus der Dufour-Drüse, die bei Melitta ungewöhnlich groß ist (Cane et al. 1983). Der Larvenvorrat ist breiig, ohne besondere Form und im hinteren Teil der Brutzelle deponiert. Das Ei wird der Länge nach auf dem Proviant abgelegt. Der Zellverschluß besteht aus Erde und hat einen spiraligen Aufbau. Die Larve spinnt einen Kokon und überwintert als Ruhelarve. Celary (2006) fand die Nester in 20–40 cm Tiefe. Ein fertiges Nest enthält 12–15 Brutzellen.

Die Männchen bilden Schlafgesellschaften (v. a. Melitta leporina, M. nigricans, M. tricincta) meist an dürren Fruchtständen oder ähnlichen Strukturen, wo man sie allabendlich an der gleichen Stelle antreffen kann (Else 2018, Westrich 2019). Die Männchen von M. haemorrhoidalis übernachten typischerweise in Glockenblumen.

Blütenbesuch

Alle Melitta-Arten sind oligolektisch. Der Pollen wird von den Weibchen auf der Außenseite der Hinterschienen und Fersen mit Nektar angefeuchtet gespeichert und transportiert.

Die einzelnen Arten haben folgende Spezialisierung:

  • ➜ Campanulaceae (Glockenblumengewächse), Campanula: M. haemorrhoidalis
  • ➜ Fabaceae (Schmetterlingsblütler), v. a. Medicago sativa (Luzerne): M. leporina
  • ➜ Fabaceae (Schmetterlingsblütler), Onobrychis Esparsette): M. dimidiata
  • ➜ Lythraceae (Blutweiderichgewächse): Lythrum (Blutweiderich): M. nigricans
  • ➜ Orobanchaceae (Sommerwurzgewächse), Odontites (Zahntrost): M. tricincta

Die Männchen zeigen ein auffälliges Flugverhalten: Sie schwärmen mit hoher Geschwindigkeit zwischen den Blütenständen der Nahrungspflanzen. Ihre Flugbahnen sind Futterplatzbahnen, d. h. sie beziehen sich stets auf die Pollenquellen der jeweiligen Art. So verlaufen z. B. bei Melitta leporina alle Bahnen im Bereich von blühenden Luzerne-Stauden, immer auf der Suche nach unverpaarten Weibchen.

Die Beachtung des Blütenbesuchs kann die Bestimmung der Sägehornbienen deutlich erleichtern.

Brutparasiten

Als Kuckucksbienen von Melitta sind bisher nur Nomada-Arten (Wespenbienen) bekannt geworden, von denen N. flavopicta bei mehreren Melitta-Arten schmarotzt.

Phänologie

Die Flugzeit der Melitta-Arten reicht je nach Art von Ende Mai bis in den September. Als erste Art erscheint Melitta dimidiata, dann M. leporina, als letzte M. tricincta. Alle Arten treten nur in einer Generation auf und überwintern als Ruhelarve. Sägehornbienen sind proterandrisch, die Männchen erscheinen ein bis zwei Wochen vor den Weibchen.

Flugzeiten_Melitta

Literatur

Blüthgen, P. (1930): Melitta Latr. – S. 773 in: Schmiedeknecht, O. (Hrsg.), Die Hymenopteren Nord- und Mitteleuropas. 2. Aufl., Jena (G. Fischer).

Celary, W. (2006): Biology of the Solitary Ground-nesting Bee Melitta leporina (Panzer, 1799) (Hymenoptera: Apoidea: Melilttidae). – J. Kansas Ent. Soc. 79: 136–145.

Eardley, C. & Kuhlmann, M. (2006): Southern and East African Melitta Kirby (Apoidea: Melittidae). – African Entomology 14: 293–532.

Else, G. (2018): Melitta sleeping clusters. BWARS Newsletter, Autumns 2018: 7–10.

Kuhlmann, M. (2000b): Katalog der paläarktischen Arten der Bienengattung Colletes Latr., mit Lectotypenfestlegungen, neuer Synonymie und der Beschreibung von zwei neuen Arten (Hymenoptera: Apidae: Colletinae). – Linzer biologische Beiträge 31: 155–193.

Kuhlmann, M., Else, J.R., Dawson, A. & Quicke, D.L.J. (2007): Molecular, biogeographical and phenological evidence for the existence of three western European sibling species in the Colletes succinctus group (Hymenoptera: Apidae). – Organisms, Diversity & Evolution 7: 155–165.

Malyshev, S. I. (1923): The nesting habits of Melitta leporina Panz. (Hym., Apidae). – Bull. Inst. Sci. Lesshaft 6: 64–70.

Michener, C. D. (1979): Biogeography of the bees. – Ann. Missouri Bot. Gard. 66: 277– 347.

Michez, D. & Eardley, C. (2007): Monographic revision of the bee genus Melitta Kirby 1802 (Hymenoptera: Apoidea: Melittidae. – Ann. Soc. ent. France (n.s.) 43 (4): 379–440.

Scheuchl, E. (2006): Illustrierte Bestimmungstabellen der Wildbienen Deutschlands und Österreichs. Band II: Megachilidae – Melittidae. 192 S. (Eigenverlag). - Neubearbeitung.

Warncke, K. (1973): Die westpaläarktischen Arten der Bienenfamilie Melittidae (Hymenoptera). – Polskie Pismo Ent. 43: 97–126.

Westrich, P. (2019): Die Wildbienen Deutschlands.– 2., aktualisierte Auflage, 824 S., 1700 Farbfotos. Stuttgart (E. Ulmer).

Die Melitta-Arten Deutschlands

Ein blauer Link verweist auf einen Steckbrief.

Melitta dimidiata Morawitz 1876
Melitta haemorrhoidalis (Fabricius 1775)
Melitta leporina (Panzer 1799)
Melitta melanura (Nylander 1852)
Melitta nigricans Alfken 1905
Melitta tricincta Kirby 1802

Cubitalzellen
Melitta haemorrhoidalis

Melitta haemorrhoidalis, Männchen

Nomada flavopicta

Nomada flavopicta, Männchen