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Anthidium Fabricius 1804

Woll- und Harzbienen

Verbreitung

Die Gattung Anthidium in der hier verwendeten taxonomischen Auffassung einer »Großgattung« ist auf allen Kontinenten mit zahlreichen Arten vertreten (Litman et al. 2016). In der Westpaläarktis und im Turkestanischen Becken kommen nach Warncke (1980) 94 Arten vor. In Deutschland wurden 12 Arten nachgewiesen, von denen bei zwei Arten (A. florentinum, A. septemdentatum) die Bodenständigkeit noch nicht zweifelsfrei bestätigt ist. Die häufigste Anthidium-Art in Deutschland ist A. manicatum.

Äußeres Erscheinungsbild, Erkennung im Feld

Woll- und Harzbienen sind zumindest auf Gattungsebene überwiegend auch im Feld leicht kenntlich, v. a. durch die gelben Zeichnungen des fast kahlen Hinterleibs. Deshalb werden sie von Laien manchmal mit Wespen verwechselt. Auch der schwebfliegenartige Flug beider Geschlechter ist typisch. Die Weibchen haben eine hochentwickelte, meist gelbe bis weißliche Bauchbürste, die Männchen vieler Arten zahn-, dorn- oder lappenartige Fortsätze an den Endsegmenten, die für die Bestimmung der einzelnen Arten wichtig sind. Die Männchen sind bei den meisten Arten durchweg größer als die Weibchen (eine seltene Ausnahme bei den Bienen). Die Größe schwankt zwischen 6 mm (A. strigatum) und 18 mm (A. manicatum). Anthidium byssinum und A. montanum weichen im äußeren Erscheinungsbild der Weibchen durch ihre stärkere Behaarung und das Fehlen von gelben Zeichnungen (»Anthidium-Farbmuster«) von anderen Arten ab. Ihre Männchen verraten sich jedoch durch ihr gelbes Gesicht. Stelis signata sieht durch ihre gelb-schwarze Färbung Anthidium-Arten ähnlich, unterscheidet sich hat aber durch einen deutlich kleineren Kopf und die fehlene Bauchbürste der Weibchen. Die meisten heimischen Anthidium-Arten können im Feld erkannt werden. Die Beachtung des Blütenbesuchs kann dabei helfen.

Anthidium manicatum

male Anthidium manicatum, Männchen

Anthidium manicatum

male Anthidium manicatum, Weibchen.

Anthidium septemspinosum

male Anthidium septemspinosum, Männchen

Anthidium septemspinosum

male Anthidium septemspinosum, Weibchen.

Anthidium oblongatum

male Anthidium oblongatum, Männchen

Anthidium oblongatum

male Anthidium oblongatum, Weibchen.

Anthidium byssinum

male Anthidium byssinum, Männchen

Anthidium byssinum

male Anthidium byssinum, Weibchen.

Frontalansichten von Anthidium-Männchen

Anthidium oblongatum male 

Anthidium strigatum male 

Anthidium byssinum male 

Frontalansichten von Anthidium-Weibchen

Anthidium manicatum

Anthidium manicatum male

Anthidium punctatum

Anthidium punctatum male

Anthidium nanum

Anthidium nanum male

Taxonomie und Bestimmung

Eine Bestimmungstabelle (in französisch) und Abbildungen der Tergite, Sternite und männlichen Genitalien der Anthidium-nanum-Artengruppe geben Aguib et al. (2010). Illustrierte Bestimmungtabellen für die Arten der Schweiz bringen Amiet et al. (2004), für die Arten Deutschlands und Österreichs Scheuchl (2006). Wer es vorzieht, dem System von Michener (2007) bzw. der Gattungs-Klassifikation von Litman et al. (2016) zu folgen, der findet in der Synonymie-Liste unter Anthidiellum, Pseudoanthidium und Trachusa die entsprechenden Namen.

Erläuterungen zur Systematik von Anthidium: Klick auf PDF.

Lebensraum

Die meist wärmeliebenden Anthidium-Arten bewohnen in erster Linie offene Landschaften, einigen Arten wie A. manicatum oder A. oblongatum und teilweise auch A. strigatum können wir auch in den Gärten der Dörfer und Städte begegnen. A. montanum ist nur im Gebirge anzutreffen und steigt dort bis weit über die Waldgrenze. Die Thermophilie einiger Arten zeigt sich darin, daß z. B. bei A. manicatum sowohl Männchen als auch Weibchen erst bei einer Lufttemperatur von über 16 °C beim Blütenbesuch zu beobachten sind (Schick& Sukopp 1998).

Nistweise

Die Verwendung bestimmter, artspezifischer Materialien zum Bau der Brutzellen hat der Gattung Anthidium ihren deutschen Namen eingebracht: Wollbienen wie A. manicatum, A. oblongatum, A. punctatum und A. montanum verwenden Pflanzenhaare; Harzbienen wie A. strigatum benutzen das Harz von Nadelbäumen, A. byssinum neben Harz zusätzlich Stücke von Laubblättern. Woll- und Harzbienen haben eine solitäre Lebensweise. Die Wahl des Nistplatzes ist von Art zu Art verschieden. Von den meisten Arten werden vorgefundene Hohlräume unterschiedlichster Art genutzt. Bestes Beispiel hierfür ist A. manicatum. A. byssinum nistet in selbstgegrabenen Gängen in der Erde. A. strigatum baut seine Brutzellen oft in Gruppen auf Steinen, an Stengeln oder auf der Rinde von Bäumen, im Siedlungsbereich auch auf anthrophogenen Strukturen.

Anthidium punctatum

Ein Weibchen von Anthidium punctatum hat Pflanzenhaare einer Golddistel (Carlina vulgaris) geerntet.

Anthidium byssinum

Ein Weibchen von Anthidium byssinum transportiert einen Brocken Harz in seinen Mandibeln.

Anthidium punctatum

Das Nest von Anthidium punctatum in einer Erdspalte.

Anthidium byssinum

Eine im Boden aus Harz und Laubblattstreifen gebaute Brutzelle von Anthidium byssinum.

Blütenbesuch

Was den Blütenbesuch betrifft, so sind einige Anthidium-Arten zwar polylektisch, doch zeigen sie eine gewisse Vorliebe für Vertreter ganz bestimmter Pflanzenfamilien, während andere von ihnen nie zum Pollensammeln beflogen werden (Müller 1996). Es gibt aber auch oligolektische Arten: So sammeln A. nanum und A. tenellum ausschließlich an Korbblütlern (Asteraceae) und zwar an Disteln und Flockenblumen (Cynareae), A. byssinum nur an Schmetterlingsblütlern (Fabaceae). A. interruptum (in Mitteleuropa nur in der Schweiz) bevorzugt Skabiosen (Scabiosa) und damit Geißblattgewächse (Dipsacoideae innerhalb der Caprifoliaceae). Vor allem Lippenblütler (Lamiaceae), Schmetterlingsblütler (Fabaceae), Dickblattgewächse (Crassulaceae), Resedengewächse (Resedaceae) und Korbblütler (Asteraceae) stellen die Pollenquellen für polylektische bzw. eingeschränkte polylektische Anthidien.

Anthidium manicatum

Ein Weibchen von Anthidium manicatum beim Besuch des Aufrechten Ziests (Stachys recta), einem Lippenblütler.

Anthidium byssinum

Schmetterlingsblütler wie die Futter-Esparsette (Onobrychis viciifolia) werden von Anthidium byssinum als Pollenquelle genutzt.

Als Pollenspeicher für den Transport dient eine Haarbürste (Bauchbürste) auf der Unterseite des Hinterleibs. Bestimmte Anthidium-Arten wie z. B. A. manicatum haben einen speziellen Pollenernteapparat aus wellig geformten Kopfhaaren. Pollen sammelnde Weibchen reiben an kleinblütigen Blüten von Lippenblütlern den Kopf an den Staubbeuteln und ernten durch wiederholtes Vor- und Zurückbewegen den Pollen, der dann mit den Vorderbeiden ausgebürstet und mit Hilfe der Mittelbeine in die Bauchbürste umgelagert wird. Auf Korbblütler spezialisierte Arten wie A. nanum entnehmen den Pollen mit den Hinterbeinen von den Staubbeuteln und bringen ihn so in die Bauchbürste.

Anthidium strigatum

Blüten dienen bei Anthidium vielfach als Rendez-vous-Plätze der Geschlechter. Hier paart sich Anthidium strigatum an Gewöhnlichem Hornklee (Lotus corniculatus).

Anthidium interruptum

In der Bauchbürste des in der Schweiz vorkommenden Anthidium interruptum ist bereits weißer Pollen einer Skabiose (Scabiosa) gespeichert. [Großansicht: Klick auf Bild]

  • Anthidium strigatum
    Blüten dienen bei Anthidium vielfach als Rendez-vous-Plätze der Geschlechter. Hier paart sich Anthidium strigatum an Gewöhnlichem Hornklee (Lotus corniculatus).
  • Melitta haemorrhoidalis
    In der Bauchbürste des in der Schweiz vorkommenden Anthidium interruptum ist bereits weißer Pollen einer Skabiose (Scabiosa) gespeichert.

Kuckucksbienen

Bei den heimischen Anthidium-Arten schmarotzen Arten der Gattungen Stelis und Coelioxys. Bekannte Wirts-Parasit-Beziehungen sind:
Anthidium manicatum: Stelis punctulatissima
Anthidium oblongatum: Stelis punctulatissima
Anthidium nanum: Stelis ornatula, Stelis punctulatissima (= Stelis moravica)
Anthidium strigatum: Stelis signata
Anthidium byssinum: Coelioxys conica

Phänologie

Die Flugzeit erstreckt sich bei den meisten Arten von Juni bis September. A. septemdentatum erscheint bereits im Mai (in Südeuropa bereits im April). Im Gegensatz zu den meisten anderen Bienenarten schlüpfen die Weibchen in der Regel vor den Männchen (Proterogynie). In der Regel eine Generation im Jahr. A. manicatum hat bisweilen eine zweite Generation.

Literatur

Aguib, S., Louadi, K. & Schwarz, M. (2010): Les Anthidiini (Megachilidae, Megachilinae) d’Algérie avec trois espèces nouvelles pour ce pays: Anthidium (Anthidium) florentinum (Fabricius, 1775), Anthidium (Proanthidium) amabile Alfken, 1932 et Pseudoanthidium (Exanthidium) enslini (Alfken, 1928). – Entomofauna 31 (12): 121–152.

Amiet, F., M. Herrmann, A. Müller & R. Neumeyer (2004): Apidae 4. Anthidium, Chelostoma, Coelioxys, Dioxys, Heriades, Lithurgus, Megachile, Osmia, Stelis. – Fauna Helvetica 9, 273 S.

Combey, R., Kwapong, P., Eardly, C. D. & Botchey, M. (2010): Phylogenetic analysis of the bee tribe Anthidiini. – J. Ghana Science Association 12: 26–38.

Litman, J. R., Griswold, T. & Danforth, B. N. (2016): Phylogenetic systematics and a revised generic classification of anthidiine bees (Hymenoptera; Megachilidae). – Molec. Phylogenetics and Evolution 100: 183–198.

Michener, C. D. & Griswold, T. (1994): The Classification of Old World Anthidiini (Hymenoptera, Megachilidae). – Univ. Kansas Sci. Bull. 55 (9): 299–327.

Michener, C. D., McGinley, R. J. & Danforth, B. N. (1994): The Bee Genera of North and Central America (Hymenoptera: Apoidea). – 209 S., Washington, London (Smithsonian Press).

Müller, A. (1996): Host-plant specialization in western palearctic Anthidiine bees (Hymenoptera: Apoidea: Megachilidae). – Ecological Monographs 66 (2): 235–257.

Pasteels, J. J. (1969): La systematique générique et subgénérique des Anthidiinae (Hymenoptera, Apoidea, Megachilidae) de l’Ancien Monde. – Mem. Soc. R. Ent. Belg., 31: 3–148.

Pasteels, J. J. (1977): Une révue comparative de l’ethologie des Anthidiinae nidifications de l’Ancien Monde (Hymenoptera, Megachilidae). – Ann. Soc. ent. France (n.s.) 13: 651–667.

Scheuchl, E. (2006): Illustrierte Bestimmungstabellen der Wildbienen Deutschlands und Österreichs. Band II: Megachilidae - Melittidae. 192 S. (Eigenverlag). – Neubearbeitung.

Schick, B. & Sukopp, H. (1998): Blumen-Bestäuber-Systeme in urbanen Grünflächen: Über Blütenbesuche der Großen Wollbiene (Anthidium manicatum L.) im Botanischen Garten Berlin-Dahlem. – Z. Ökologie u. Naturschutz 7: 73–83.

Warncke, K. (1980): Die Bienengattung Anthidium Fabricius, 1804 in der Westpaläarktis und im turkestanischen Becken. – Entomofauna 1: 119–209.

Westrich, P. (1989): Die Wildbienen Baden-Württembergs. 2 Bände, 972 S., 496 Farbfotos; Stuttgart (E. Ulmer). [1990 2., verb. Auflage].

Westrich, P. (2019): Die Wildbienen Deutschlands.– 2., aktualisierte Auflage, 824 S., 1700 Farbfotos. Stuttgart (E. Ulmer).

Westrich, P. & Dathe, H.H. (1997): Die Bienenarten Deutschlands (Hymenoptera, Apidae). Ein aktualisiertes Verzeichnis mit kritischen Anmerkungen. – Mitt. Ent. Ver. Stuttgart, 32: 3–34. 

Die Anthidium-Arten Deutschlands

Ein blauer Link verweist auf einen Steckbrief.

Anthidium byssinum
Anthidium florentinum (?)
Anthidium manicatum
Anthidium melanurum
Anthidium montanum
Anthidium nanum
Anthidium oblongatum
Anthidium punctatum
Anthidium septemdentatum (?)
Anthidium septemspinosum
Anthidium strigatum
Anthidium tenellum

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