Melitturga clavicornis (Latreille 1806)
Schwebebiene
Links: Männchen (Größe: 14-17 mm) [Großansicht]. Rechts: Weibchen (Größe: 16-18 mm) [Großansicht.] Kennzeichnend für die Gattung sind die kurzen, keulenförmigen Fühler bei beiden Geschlechtern und die großen Komplexaugen der Männchen. Der deutsche Gattungsname »Schwebebiene« weist auf den charakteristischen Flug der Männchen hin.
Verbreitung
Süd- und Osteuropa, nur sehr vereinzelt in Mitteleuropa; nordwärts bis zum Baltikum. In Deutschland wurde die Art in früheren Jahrzehnten aus Brandenburg, Thüringen, Sachsen und Baden-Württemberg bekannt. Auch in Österreich und in der Schweiz nachgewiesen.
Lebensraum
Sand- und Kalkmagerrasen, schütter bewachsene Ruderalstellen und Brachen. Bisher bekannt gewordene Nistplätze waren schütter bewachsene Stellen auf Böschungen oder auf ebenen Flächen. Der Boden kann offensichtlich durch Begehen verdichtet sein (in einem Fall nistete die Art auf einem Campingplatz). Sandiger Boden oder Lößlehm wird bevorzugt. Nistplatz und Nahrungsraum können im Extremfall bis 1 km weit voneinander entfernt liegen. Nahrungsräume sind Magerrasen, Gebüsch- oder Waldsäume oder Luzernefelder.
In dieser Landschaft im Aosta-Tal (Nord-Italien, Juni 2006) gibt es noch kleine Restbestände von Melitturga clavicornis. Durch die zunehmende Ausdehnung des Weinbaus werden aber auch hier immer mehr besonders wertvolle Trockenrasen zerstört und damit die unersetzlichen Lebensräume zahlreicher hochspezialisierter Bienenarten. Warum wird diesem Treiben hier kein Ende bereitet? Wozu nützen FFH-Richtlinie und gesetzlicher Artenschutz, wenn nach wie vor die Lebensgrundlagen vieler hochbedrohter Arten vernichtet werden?
Nistweise
Nistet in selbstgegrabenen Hohlräumen in der Erde, bevorzugt in Ansammlungen. Die am Grunde von Grasbüscheln oder zwischen krautigen Pflanzen befindlichen Nesteingänge, die gewöhnlich bei Abwesenheit des Weibchens offen bleiben, haben in der Regel einen Eingangswall (Tumulus). Von der Erdoberfläche führt ein (manchmal verzweigter) Hauptgang 15–20 cm senkrecht oder auch gekniet in die Tiefe und verläuft dann horizontal weiter. An diesem horizontalen Gang finden sich die schräg im Boden stehenden, verschlossenen, bis zu 8 Brutzellen. Die älteste Zelle liegt dem senkrechten Hauptgang am nächsten. Die Brutzellen sind mit einem Sekret ausgekleidet.
Blütenbesuch
Oligolektische, auf Fabaceae (Schmetterlingsblütler) spezialisierte Art. Hauptpollenquelle ist Luzerne (Medicago sativa). Weitere belegte Pollenquellen: Roter Wiesenklee (Trifolium pratense), Weiß-Klee (Trifolium repens), Vogel-Wicke (Vicia cracca), Wilde Platterbse (Lathyrus sylvestris), Futter-Esparsette (Onobrychis viciifolia), Gewöhnlicher Hornklee (Lotus corniculatus), Weißer Steinklee (Melilotus alba), Esparsetten-Tragant (Astragalus onobrychis). – Alle Pollenquellen bieten auch Nektar, der zum Anfeuchten des Pollens benötigt wird, da die Weibchen wie bei keiner anderen heimischen Art den angefeuchteten Pollen in der Form eines Muffs rings um die kurz und starr behaarten Hinterschienen speichern und zum Nest transportieren. Von den Männchen werden ebenfalls bevorzugt Schmetterlingsblütler besucht, gelegentlich auch Lippenblütler (z. B. Salvia, Thymus).
Ein Weibchen sammelt Pollen an der Luzerne (Medicago sativa), einer bei der Schwebebiene besonders beliebten Pollenquelle. Beachte die bereits reich gefüllte Pollenladung. [CH, Wallis, Juli 1987]
Ein Weibchen sammelt hier an der Wilden Platterbse (Lathyrus sylvestris). Im Wallis (Schweiz) konnte ich die Weibchen regelmäßig an diesem Schmetterlingsblütler Pollen sammeln sehen [CH, Wallis, Juli 1987] [Großansicht].
Dieses Männchen, dessen Haarpelz bereits von der Sonne etwas ausgebleicht ist, besucht den Esparsetten-Tragant (Astragalus onobrychis) als Nektarquelle. Diese kalkholde Art, die auch von den Melitturga-Weibchen sowie von einigen anderen Bienenarten als Pollenquelle genutzt wird, wächst vor allem in Trockenrasen, Felsfluren und lichten Kiefernwäldern. [I, Aosta, Juni 2006].
Kuckucksbienen
Charakteristische Kuckucksbiene ist der extrem seltene Ammobatoides abdominalis, der zwar in Deutschland und Österreich, nicht jedoch in der Schweiz nachgewiesen wurde.
Phänologie
Univoltin. Flugzeit von Ende Juni bis Mitte August. Überwinterung als Ruhelarve frei in der Brutzelle.
Gefährdung und Schutz
In Deutschland wurde die auch in früheren Jahren extrem seltene, wärmeliebende Art zuletzt im Jahre 1959 in Brandenburg nachgewiesen. Sie gilt daher hier als verschollen. Auch im übrigen mitteleuropäischen Verbreitungsgebiet ist die Art sehr stark im Bestand rückläufig und bedarf hier eines besonderen Schutzes. (Erhaltung der Nistplätze, Sicherung der Pollenquellen). Diese Art wäre zweifellos ein Kandidat für einen aktualisierten Anhang der FFH-Richtlinie, doch sind darin unverständlicherweise überhaupt keine Hymenopteren, geschweige denn Bienen aufgeführt.
Nachtruhe




Oben links und rechts, unten links: Die Männchen von Melitturga clavicornis suchen sich vor Beginn der Dämmerung einen dürren Grashalm oder das Ende eines dürren Zweigchens von Feld-Beifuß (Artemisia campestris), an denen sie sich mit den Mandibeln festbeißen und mit den Beinen umklammern, um so die Nacht oder auch Tage mit schlechtem Wetter zu verbringen. Unten rechts: Mitten unter den schlafenden Melitturga-Männchen fand ich das Weibchen der bei dieser Art schmarotzenden Schwebebiene Ammobatoides abdominalis. Bei dieser Art schlafen beide Geschlechter an Grashalmen, sowohl kopfüber als auch mit dem Kopf nach oben. [I, Aosta, Juni 2006].




Arten im Detail