Solitäre Bienen
Solitäre Bienen bauen ihre Nester und versorgen ihre Brut ohne Mithilfe von Angehörigen der gleichen Art. Daher gibt es bei ihnen auch keine Arbeitsteilung und kein Speichern von Vorräten. Jedes Nest enthält also nur ein Weibchen, das seine Brutzellen nacheinander baut und versorgt. Stets wird eine Zelle fertiggestellt, bevor mit der nächsten begonnen wird. Sie wird mit Larvenproviant, einer Mischung aus Pollen und Nektar, gefüllt. Dann wird ein Ei abgelegt, meist direkt auf den Futtervorrat, und die Zelle wird verschlossen. In der Zelle befindet sich genügend Futter für das gesamte Wachstum der Larve, die daher normalerweise nie in Kontakt mit ihrer Mutter kommt. Normalerweise stirbt das Weibchen, bevor seine Nachkommenschaft voll entwickelt ist und Wochen oder Monate später schlüpft. Es gibt also keinen Kontakt zwischen den beiden Generationen.
Osmia cornuta – Gehörnte Mauerbiene
Ein Beispiel für eine solitäre Bienenart
Eine der auffälligsten Wildbienen, die wir hier regelmäβig im Frühling beobachten können, ist die Gehörnte Mauerbiene (Osmia cornuta). Während bei den hummelartigen Weibchen (12-16 mm) der Körper tiefschwarz und der Hinterleib rostrot bepelzt sind, kann man die etwas kleineren Männchen leicht an ihrer weiβen Gesichtsbehaarung erkennen (siehe Foto unten). Nur die Weibchen haben am Vorderkopf zwei kleine, zwischen den Haaren versteckte Hörnchen (deutscher Name!).
In Deutschland ist Osmia cornuta weit verbreitet, allerdings ist sie in Süd- und Mitteldeutschland deutlich häufiger als im Norden. Die Höhenstufe von 500 m üNN überschreitet sie nur vereinzelt. (Auf dem Foto ist links das Männchen, rechts das Weibchen bei der Paarung zu sehen. [Großansicht]
Da die Art ein mildes und blumenreiches Frühjahr liebt, kommt sie fast ausschlieβlich im Siedlungsbereich vor, wo das dort herrschende Kleinklima und das meist reiche Angebot an früh blühenden Pflanzen ihren Ansprüchen entgegenkommt. Man findet sie sogar in den Zentren der Groβstädte (z.B. Stuttgarter City), wo sie an sonnigen Tagen oft in gröβerer Zahl die Primeln und Hyazinthen vor den Blumengeschäften oder auf dem Wochenmarkt umschwärmt. Leider werden immer wieder Tiere zertreten, wenn sie auf den Gehwegen sitzen.
Die Männchen, die schon einige Tage vor den Weibchen aus den vorjährigen Nestern schlüpfen, erscheinen im März, meist gleichzeitig mit dem Aufblühen des Nickenden Blausterns (Scilla siberica). Die Weibchen beginnen nach der Paarung Anfang bis Mitte April mit dem Nestbau. Ihre Flugzeit endet in der Regel Mitte Mai, so daß ihnen 4-6 Wochen für die Erzeugung von Nachkommen bleibt. Die Männchen beteiligen sich nie am Brutgeschäft. Da diese Mauerbiene nur eine Generation im Jahr hat, bekommen wir die adulten (erwachsenen) Nachkommen erst im darauffolgenden Frühling zu Gesicht. Die Entwicklung der Bienen vom Ei bis zum Vollinsekt vollzieht sich zwischenzeitlich, für uns verborgen, im Innern der Nester.
Die Weibchen suchen überwiegend an groβflächigen Strukturen wie Häuserwänden oder Mauern nach geeigneten Nistmöglichkeiten. Ihr Nest bauen sie in vorhandenen Hohlräumen verschiedenster Art, z.B. in Mauerritzen, in Löchern im Verputz, in Abflussröhrchen von Rolläden und in Ritzen von Fensterrahmen, stellenweise auch in Vertiefungen von Mauersteinen. Osmia cornuta nimmt sehr gerne künstliche Nisthilfen an. Niströhren, in denen sich bereits Nester befanden, werden nur selten und nur dann noch einmal genutzt, wenn akuter Nistplatzmangel oder ein starker Konkurrenzdruck zwischen den Weibchen herrscht. Die Weibchen werden nur sehr selten beim Reinigen alter Nester beobachet. Reste eines alten Nestes (Baumaterial, Kokonreste) werden lediglich nach hinten geschoben, so daß der restliche zur Verfügung stehende Raum kleiner ist als bei einem noch unbesiedelten Gang. Deshalb empfehle ich, immer wieder frische röhrenförmige Hohlräume anzubieten, was am leichtesten in Form von Bambusrohr oder von Bohrungen von 8-10 mm Durchmesser in trockenem Holz möglich ist [ Verschiedene Möglichkeiten der Ansiedlung und Förderung sind auf diesen Seiten beschrieben. ]. Wo die Art in wärmeren Lagen auch auβerhalb von Ortschaften vorkommt, besiedelt sie sonnenexponierte Löβ- und Lehmwände oder Fluβuferabbrüche, wo sie in alten Brutzellen von Pelzbienen nistet. Dies entspricht auch dem urspünglichen (natürlichen) Nistplatz der Art.
Im Gegensatz zu den staatenbildenden Honigbienen, Hummeln und manchen Furchenbienen hat die Gehörnte Mauerbiene eine solitäre Lebensweise. Jedes Weibchen baut sein eigenes Nest und versorgt seine Brut ohne Mithilfe von Artgenossen. Allerdings können viele Weibchen unter günstigen Bedingungen dicht beieinander nisten. Schon früh am Morgen und bereits bei Lufttemperaturen von 10 °C beginnen die Weibchen mit ihrer Brutfürsorge, bauen in dem gewählten Hohlraum die Rückwand einer Brutzelle, füllen diese mit einem Pollen-Nektar-Gemisch, legen daran anschlieβend ein Ei und verschlieβen die Zelle mit einer Querwand. Einen Tag benötigt das Weibchen für eine Brutzelle, um die es sich dann nicht weiter kümmert. Damit ist die Brutfürsorge für einen Nachkommen abgeschlossen.


Weibchen von Osmia cornuta vor seinem Nest in einem Bambusröhrchen. Auf dem rechten Bild sieht man die mit leuchten gelbem Pollen beladene Bauchbürste. Auch auf dem Vorderkopf ist Pollen zu erkennen, der deshalb daran haften bleibt, weil das Weibchen im Nest mit seinem Vorderkopf nach der Abgabe des Nektars aus seinem Kropf den Futtervorrat gegen die Rückwand der Zelle drückt.

An einer feuchten Stelle im Garten sammelt ein Weibchen von Osmia cornuta lehmiges Baumaterial.
Die Nester selbst sind meist Linienbauten mit bis zu 12 hintereinander liegenden Brutzellen, vor denen sich zum Ausgang hin eine sogenannte »Leerzelle« und ein dicker Verschluβpropfen befinden. Als Baumaterial dient feuchter Sand oder Lehm, der mit Drüsensekreten vermischt wird. Bei anhaltend trockener Witterung beschaffen sich die Weibchen den Mörtel von feuchteren Stellen in Bodenspalten. Im Verlauf von 3-4 Wochen verzehrt die Larve das Futter, das deutlich mehr Nektar enthält als bei der nah verwandten Art Osmia bicornis (= O. rufa). Sie spinnt danach einen Kokon, in dem sie sich verpuppt und entwickelt sich im Verlauf des Sommers zur adulten Biene. Der Winter wird also im Stadium des Vollinsekts in völliger Ruhe überdauert. Im nächsten Jahr verlassen alle Mauerbienen nacheinander ihr Nest durch den vorjährigen Nesteingang, nachdem Kokon, Querwände und Verschluβpropfen aufgenagt wurden.

Nest von Osmia cornuta in einem Bambusröhrchen. Zellen 3 und 4 (von rechts gezählt, wo der Nesteingang liegt) enthalten je ein befruchtetes Ei, aus dem sich ein Weibchen entwickeln wird. Daher enthalten diese Zellen mehr Pollen als Zelle 2, in der ein unbefruchtetes Ei abgelegt wurde, aus dem sich ein Männchen entwickeln wird. In Zelle 1 wurde noch kein Ei abgelegt.


Das linke Foto zeigt eine nur wenige Tage alte Larve. Auf dem Foto rechts hat sich die Larve nach dem Verzehr des Pollens in einem Kokon eingesponnen, wo sie sich über das Puppenstadium zum Vollinsekt (Imago) entwickelt.
Sowohl in der Eigenversorgung mit Nektar als auch in der Wahl ihrer Pollenquellen für die Versorgung der Brut ist die Art nicht wählerisch. Bisher wurden Vertreter von insgesamt 13 Pflanzenfamilien als Pollenquellen bekannt. Somit unterscheidet sie sich von vielen anderen, teils hoch spezialisierten Bienenarten. Leicht kann man die Weibchen beim Pollensammeln am Blaustern (Scilla siberica) oder am Lerchensporn (Corydalis) in Parks und Gärten beobachten. Sehr beliebt sind auch die Blüten von Weiden (Salix), Ahorn (Acer), Kirschen und Pflaumen (Prunus), Apfel (Malus) und Birne (Pyrus).


Spitz-Ahorn (Acer platanoides) und Japanische Zierkirschen (Prunus subhirtella, Prunus serratula) sind bei Osmia cornuta als Pollenquellen sehr beliebt und außerdem sehr ergiebig.
Der Pollen wird im Gegensatz zu Honigbiene und Hummeln in der sogenannten »Bauchbürste« auf der Unterseite des Hinterleibs während des Sammelfluges gespeichert und zum Nest transportiert (siehe Foto oben rechts am Nest). Wie neuere Untersuchungen zeigen, leistet diese Mauerbiene durch ihre Blütenstetigkeit wichtige Bestäubungsarbeit bei verschiedenen Obstgehölzen. Jüngst wurde sie aus diesem Grunde sogar aus Europa nach Kalifornien eingeführt, um dort in Mandelkulturen als Bestäuberin eingesetzt zu werden.


Fertig verschlossene Nester in Bambusröhrchen (linkes Foto).Im Folgejahr im März frisch geschlüpfte Männchen vor ihren Nestern. Sie erwarten die wenige Tage nach ihnen schlüpfenden Weibchen (rechtes Foto).
Während weit über die Hälfte der heimischen Bienenarten mehr oder weniger stark in ihrem Bestand zurückgegangen sind, zeigt die bislang ungefährdete Gehörnte Mauerbiene in den letzten Jahrzehnten sogar eine deutliche Zunahme. Da sie nur geringe Ansprüche an ihren Lebensraum stellt, ist sie nicht gefährdet. Durch ein reiches Angebot an entsprechenden Frühjahrsblühern kann sie leicht gefördert werden. Problemlos kann man die Gehörnte Mauerbiene auch mit Nisthilfen anlocken, sofern diese unmittelbar an der Hauswand oder sonstigen gröβeren Flächen angebracht sind. Als künstliche Nistgelegenheiten werden Holzblöcke mit Bohrungen von mindestens 8-10 cm Tiefe angenommen; noch besser eignen sich waagrecht orientierte Bambusrohre mit einer Länge von 20-25 cm; der Innendurchmesser sollte jeweils 7-9 mm betragen. An Nisthilfen können auch Kinder Biologie aus nächster Nähe erleben. Dabei ist eine eventuelle Angst vor einem Stich völlig unbegründet. Schlieβlich sind Mauerbienen völlig friedfertig, selbst wenn Hunderte von ihnen auf engem Raum nisten. Honigvorräte gibt es ja nicht zu verteidigen.
Von sich aus stechen die Mauerbienen nie, es sei denn, man packt ein Weibchen mit den Fingern. Und selbst dann ist ein Stich harmloser als der einer Honigbiene, da der Stachel nicht in der Haut verbleibt und der nur leicht brennende Schmerz nach wenigen Minuten und ohne Schwellung verschwindet.


Lebensweise