Solitäre Bienen
Solitäre Bienen bauen ihre Nester und versorgen ihre Brut ohne Mithilfe von Angehörigen der gleichen Art. Daher gibt es bei ihnen auch keine Arbeitsteilung und kein Speichern von Vorräten. Jedes Nest enthält also nur ein Weibchen, das seine Brutzellen nacheinander baut und versorgt. Stets wird eine Zelle fertiggestellt, bevor mit der nächsten begonnen wird. Sie wird mit Larvenproviant, einer Mischung aus Pollen und Nektar, gefüllt. Dann wird ein Ei abgelegt, meist direkt auf den Futtervorrat, und die Zelle wird verschlossen. In der Zelle befindet sich genügend Futter für das gesamte Wachstum der Larve, die daher normalerweise nie in Kontakt mit ihrer Mutter kommt. Normalerweise stirbt das Weibchen, bevor seine Nachkommenschaft voll entwickelt ist und Wochen oder Monate später schlüpft. Es gibt also keinen Kontakt zwischen den beiden Generationen.
Osmia cornuta – Gehörnte Mauerbiene
Ein Beispiel für eine solitäre Bienenart
Eine der auffälligsten Wildbienen, die wir hier im Frühling beobachten können, ist die Gehörnte Mauerbiene (Osmia cornuta). Während bei den hummelartigen Weibchen (12–16 mm) der Körper tiefschwarz und der Hinterleib rostrot bepelzt sind, kann man die etwas kleineren Männchen leicht an ihrer weiβen Gesichtsbehaarung erkennen. Nur die Weibchen haben am Vorderkopf zwei kleine, zwischen den Haaren versteckte Hörnchen. In Deutschland ist die Art weit verbreitet, allerdings ist sie in Süd- und Mitteldeutschland deutlich häufiger als im Norden. Die Höhenstufe von 500 m üNN überschreitet sie nur vereinzelt.
Osmia cornuta

Gehörnte Mauerbiene bei der Paarung Ende März: Männchen (links, mit typisch weißer Gesichtsbehaarung) und Weibchen (rechts, mit zwei Hörnchen auf dem Kopfschild).
Männchen und Weibchen von Osmia cornuta bei der
Paarung auf einem Strangfalzziegel. Die Biene mit der weißen Gesichtsbehaarung
ist das Männchen.
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Da die Art ein mildes und blumenreiches Frühjahr liebt, kommt sie fast ausschlieβlich im Siedlungsbereich vor, wo das dort herrschende Kleinklima und das meist reiche Angebot an früh blühenden Pflanzen ihren Ansprüchen entgegenkommt. Man findet sie sogar in den Zentren der Groβstädte (z.B. Stuttgarter City), wo sie an sonnigen Tagen oft in gröβerer Zahl die Primeln und Hyazinthen vor den Blumengeschäften oder auf dem Wochenmarkt umschwärmt. Leider werden immer wieder Tiere zertreten, wenn sie auf den Gehwegen sitzen.
Die Männchen, die schon einige Tage vor den Weibchen aus den vorjährigen Nestern schlüpfen, erscheinen im März, meist gleichzeitig mit dem Aufblühen des Nickenden Blausterns (Scilla siberica), dessen Blüten sie eifrig des Nektars wegen besuchen. Sobald die Weibchen mit dem Nestbau begonnen haben, sammeln sie den blauen Scilla-Pollen.
Die Weibchen beginnen nach der Paarung Anfang bis Mitte April mit dem Nestbau. Ihre Flugzeit endet in der Regel Mitte Mai, so daß ihnen 4-6 Wochen für die Erzeugung von Nachkommen bleibt. Die Männchen beteiligen sich nie am Brutgeschäft. Da diese Mauerbiene nur eine Generation im Jahr hat, bekommen wir die adulten (erwachsenen) Nachkommen erst im darauffolgenden Frühling zu Gesicht. Die Entwicklung der Bienen vom Ei bis zum Vollinsekt vollzieht sich zwischenzeitlich, für uns verborgen,
Die Weibchen suchen überwiegend an groβflächigen Strukturen wie Häuserwänden oder Mauern nach geeigneten Nistmöglichkeiten. Ihr Nest bauen sie in vorhandenen Hohlräumen verschiedenster Art, z.B. in Mauerritzen, in Löchern im Verputz, in Abflußröhrchen von Rolläden und in Ritzen von Fensterrahmen, stellenweise auch in Vertiefungen von Mauersteinen. Osmia cornuta nimmt sehr gerne künstliche Nisthilfen an. Niströhren, in denen sich bereits Nester befanden, werden nur selten und nur dann noch einmal genutzt, wenn akuter Nistplatzmangel oder ein starker Konkurrenzdruck zwischen den Weibchen herrscht. Die Weibchen werden nur sehr selten beim Reinigen alter Nester beobachet. Reste eines alten Nestes (Baumaterial, Kokonreste) werden mit dem Kopf lediglich nach hinten geschoben, so daß der restliche zur Verfügung stehende Raum kleiner ist als bei einem noch unbesiedelten Gang. Deshalb empfehle ich, immer wieder frische röhrenförmige Hohlräume anzubieten, was am leichtesten in Form von Bambusrohr oder von Bohrungen von 7-9 mm Durchmesser in trockenem Holz möglich ist [ Verschiedene Möglichkeiten der Ansiedlung und Förderung sind auf diesen Seiten beschrieben. ]. Wo die Art in wärmeren Lagen auch auβerhalb von Ortschaften vorkommt, besiedelt sie sonnenexponierte Löβ- und Lehmwände oder Fluβuferabbrüche, wo sie in alten Brutzellen von Pelzbienen (Anthophora plumipes) nistet. Dies entspricht auch dem urspünglichen natürlichen Nistplatz der Art.
Im Gegensatz zu den staatenbildenden Honigbienen, Hummeln und manchen Schmalbienen hat die Gehörnte Mauerbiene eine solitäre Lebensweise. Jedes Weibchen baut sein eigenes Nest und versorgt seine Brut ohne Mithilfe von Artgenossen. Allerdings können viele Weibchen unter günstigen Bedingungen dicht beieinander nisten. Schon früh am Morgen und bereits bei Lufttemperaturen von 10 °C beginnen die Weibchen mit ihrer Brutfürsorge, bauen in dem gewählten Hohlraum die Rückwand einer Brutzelle, füllen diese mit einem Pollen-Nektar-Gemisch, legen daran anschlieβend ein Ei und verschlieβen die Zelle mit einer Querwand. Einen Tag benötigt das Weibchen für eine Brutzelle, um die es sich dann nicht weiter kümmert. Damit ist die Brutfürsorge für einen Nachkommen abgeschlossen.
Ein
Weibchen kommt mit Pollen in der Bauchbürste (orangerot) zum Nest in einem
Bambusröhrchen,
in dem sich das Nest mit mehreren Brutzellen befindet. Es wird mit dem Kopf voran
in das Röhrchen schlüpfen. Der Pollen wird im Gegensatz zu vielen anderen
Bienenarten (Honigbiene, Hummeln, Sandbienen, Schmalbienen usw.) in der sogenannten »Bauchbürste« auf
der Unterseite des Hinterleibs während des Sammelfluges gespeichert und
zum Nest transportiert.
Osmia cornuta
Das Weibchen verläßt das Röhrchen wieder, nachdem es den im Kropf gespeicherten Nektar abgegeben hat und den beim letzten Heimkommen abgestreiften Pollen mit dem Vorderkopf gegen die Rückwand der Zelle festgedrückt hat. Durch diese Tätigkeit haftet jetzt viel Pollen auf dem Vorderkopf unterhalb der Antennen. Im nächsten Augenblick wird es mit dem Hinterleib zuerst in das Röhrchen schlüpfen, um den Pollen abzubürsten.
Soeben
ist das Weibchen wieder aus dem Röhrchen gekommen, nachdem es den im Kropf
gespeicherten Nektar abgegeben hat und den beim letzten Heimkommen abgestreiften
Pollen mit dem Vorderkopf gegen die Rückwand der Zelle festgedrückt
hat. Deshalb haftet jetzt viel Pollen auf dem Vorderkopf unterhalb der Antennen.
Im nächsten Augenblick wird es mit dem Hinterleib zuerst in das Röhrchen
schlüpfen, um den Pollen abzubürsten.
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An einer feuchten Stelle im Garten sammelt ein Weibchen von Osmia cornuta lehmiges Baumaterial, mit dem in dem Hohlraum zunächst eine Rückwand für die erste Brutzelle und eine »Türschwelle« für die Brutzelle gebaut wird.
Osmia cornuta
Das Weibchen im Anflug an das Nest in einem Pappröhrchen. In den Oberkiefern hält es einen Lehmbrocken für den Nestverschluß.
Das
Weibchen im Anflug an das Nest in einem Pappröhrchen. In den Oberkiefern
hält es einen Lehmbrocken für den Nestverschluß.
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Das Weibchen verbaut den mitgebrachten Lehmbrocken.
Die Nester selbst sind meist Linienbauten mit bis zu 12 hintereinander liegenden Brutzellen, vor denen sich zum Ausgang hin eine sogenannte »Leerzelle« und ein dicker Verschluβpropfen befinden. Als Baumaterial dient feuchter Sand oder Lehm, der mit Drüsensekreten vermischt wird. Bei anhaltend trockener Witterung beschaffen sich die Weibchen den Mörtel von feuchteren Stellen in Bodenspalten. Im Verlauf von 3-4 Wochen verzehrt die Larve das Futter, das deutlich mehr Nektar enthält als bei der nah verwandten Art Osmia bicornis (= Osmia rufa). Sie spinnt danach einen Kokon, in dem sie sich verpuppt und entwickelt sich im Verlauf des Sommers zur adulten Biene. Der Winter wird also im Stadium des Vollinsekts in völliger Ruhe überdauert. Im nächsten Jahr verlassen alle Mauerbienen nacheinander ihr Nest durch den vorjährigen Nesteingang, nachdem Kokon, Querwände und Verschluβpropfen aufgenagt wurden.

Nest von Osmia cornuta in einem Bambusröhrchen. Die ganz linke Zelle 1 wurde als erste gebaut (der Nesteingang liegt rechts). Sie und die nächste Zelle 2 enthalten je ein befruchtetes Ei, aus dem sich ein Weibchen entwickeln wird. Daher wurde in diesen Zellen vom Weibchen eine größere Menge an proteinreichem Larvenfutter deponiert als in Zelle 3, in der ein unbefruchtetes Ei abgelegt wurde, aus dem sich ein Männchen entwickeln wird. Da Männchen als adulte Bienen im Gegensatz zu den Weibchen keine Eier legen, benötigen sie als Larven auch weniger Eiweiß in Form von Pollen. In der letzten (ganz rechten) Zelle wurde noch kein Ei abgelegt.

Das linke Foto zeigt eine nur wenige Tage alte Larve. Auf dem Foto rechts hat sich die Larve nach dem Verzehr des Pollens in einem Kokon eingesponnen, in dem sie sich über das Puppenstadium zum Vollinsekt (Imago) entwickelt.
Der geöffnete Kokon zeigt eine wenige Tage alte Puppe, bei der die Komplexaugen bereits dunkel gefärbt sind.
Sowohl in der Eigenversorgung mit Nektar als auch in der Wahl ihrer Pollenquellen für die Versorgung der Brut ist die Art nicht wählerisch. Bisher wurden Vertreter von insgesamt 13 Pflanzenfamilien als Pollenquellen bekannt. Somit unterscheidet sie sich von vielen anderen, teils hochspezialisierten Bienenarten. Leicht kann man die Weibchen beim Pollensammeln am Blaustern (Scilla siberica) oder am Lerchensporn (Corydalis) in Parks und Gärten beobachten. Sehr beliebt sind auch die Blüten von Weiden (Salix), Spitz- und Berg-Ahorn (Acer platanoides, Acer pseudoplatanus), Pflaumen und Kirschen (Prunus). Apfel (Malus) und Birne (Pyrus) sind weniger bedeutsam, da sie erst gegen Ende der Flugzeit blühen.

Spitz-Ahorn (Acer platanoides) und Japanische Zierkirschen (Prunus subhirtella, Prunus serratula) mit ungefüllten Blüten sind bei Osmia cornuta als Pollenquellen sehr beliebt und außerdem sehr ergiebig.
Wie neuere Untersuchungen zeigen, leistet diese Mauerbiene durch ihre Blütenstetigkeit wichtige Bestäubungsarbeit vor allem bei Prunus-Arten. Jüngst wurde sie aus diesem Grunde sogar aus Europa nach Kalifornien eingeführt, um dort in Mandelkulturen als Bestäuber eingesetzt zu werden.

Fertig verschlossene Nester in Bambusröhrchen (linkes Foto).Im Folgejahr im März frisch geschlüpfte Männchen vor ihren Nestern. Sie erwarten die wenige Tage nach ihnen schlüpfenden Weibchen (rechtes Foto).
Während weit über die Hälfte der heimischen Bienenarten mehr oder weniger stark in ihrem Bestand zurückgegangen sind, zeigt die bislang ungefährdete Gehörnte Mauerbiene in den letzten Jahrzehnten sogar eine deutliche Zunahme. Da sie nur geringe Ansprüche an ihren Lebensraum stellt, ist sie nicht gefährdet. Durch ein reiches Angebot an entsprechenden Frühjahrsblühern kann sie leicht gefördert werden. Problemlos kann man die Gehörnte Mauerbiene auch mit Nisthilfen anlocken, sofern diese unmittelbar an der Hauswand oder sonstigen gröβeren Flächen angebracht sind. Als künstliche Nistgelegenheiten werden Holzblöcke mit Bohrungen von mindestens 8-10 cm Tiefe angenommen; noch besser eignen sich waagrecht orientierte Bambusrohre mit einer Länge von 20-25 cm; der Innendurchmesser sollte jeweils 7-9 mm betragen. An Nisthilfen können auch Kinder Biologie aus nächster Nähe erleben.
Mauerbienen sind wie alle Solitärbienen völlig friedfertig. Von sich aus stechen sie nie, es sei denn, man packt ein Weibchen mit den Fingern und bringt es dadurch in Bedrängnis. Und selbst dann ist ein Stich harmloser als der einer Honigbiene, da der Stachel nicht in der Haut verbleibt und der nur leicht brennende Schmerz nach wenigen Minuten und ohne Schwellung verschwindet.
Weitere Seiten zu dieser Art: Über den Beginn des Nestbaus. Zum Sammeln des blauen Scilla-Pollens. Weitere Bilder des Männchens.
Eine ähnliche Lebensweise wie Osmia cornuta hat die ebenfalls häufige
Rostrote Mauerbiene (Osmia bicornis), die in
diesem Steckbrief dargestellt ist. Weitere ausführliche
Beispiele von Bienen mit solitärer
Lebensweise finden sich unter anderem in folgenden Steckbriefen:
Anthophora plumipes
Anthidium strigatum
Anthidium manicatum
Megachile nigriventris
Megachile parietina
Osmia brevicornis


Lebensweise