Zum Inhalt springen
Lebensraum Magerrasen

Osmia brevicornis (Fabricius 1798)

Schöterich-Mauerbiene

Synonyme: Osmia atrocaerulea Schilling 1849, Osmia panzeri Morawitz 1869

Osmia brevicornis MännchenOsmia brevicornis Weibchen

Links: Männchen (Größe: 8–10 mm) [Großansicht]. Rechts: Weibchen (Größe: 9–11 mm) [Großansicht.]

Verbreitung

Süd- und Mitteleuropa, nordwärts bis etwa 55 °n.Br. – In Deutschland wurde sie von Dathe 2001 (Verzeichnis der Hautflügler Deutschlands, Apidae) aus allen Bundesländern mit Ausnahme von Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen aufgeführt. – In Südwestdeutschland nur zerstreute und meist einzelne Nachweise, vor allem in Lagen unter 500 m, vereinzelt aber auch bis 800 m; in den Alpen bis 2000 m.

Lebensraum

Das Vorkommen wird bestimmt durch ein ausreichendes Angebot großblütiger Cruciferen in Verbindung mit Totholzstukturen in Form ganz oder teilweise abgestorbener Bäume, alter Zaunpfähle oder alter Holzschuppen. Man findet die Art daher vorwiegend an südexponierten Waldrändern oder in alten Streuobstbeständen, gelegentlich auch im Siedlungsbereich (Gärten, Parks). Nistplatz und Nahrungsraum liegen oft räumlich weit auseinander.

Nistweise

Nistet in vorhandenen Hohlräumen, besonders in Fraßgängen in totem Holz. Besiedelt auch Nisthilfen, z.B. Bohrungen in Holz, Bambusrohr oder Schilfhalme (Innendurchmesser 5 mm). Der Nestbau ist unter den bisher bekannten europäischen Bienen einzigartig. Die zur Nestanlage gewählten röhrenförmigen Hohlräume werden durchgehend, ohne Zellzwischenwände, mit Pollen gefüllt. Die Eier werden nach und nach mitten in den sehr trockenen Proviant gelegt. Die Nester sind je nach dem zur Verfügung stehenden Raum unterschiedlich lang und können 8–23 Larven enthalten. Der Nestverschluß besteht aus Pflanzenmörtel, der in kleinen Päckchen mit den Mandibeln zum Nest getragen wird, und sitzt stets 5–10 mm tief im Nesteingang.

Osmia brevicornis - Verproviantierung 01Osmia brevicornis - Verproviantierung 02
Osmia brevicornis Verproviantierung 03Osmia brevicornis Verproviantierung 04

Nach einem erfolgreichen Pollensammelflug kriecht das Weibchen zunächst vorwärts in den Nestgang, um den in seinem Vorderdarm gespeicherten Nektar auf den Pollen zu erbrechen und den bisher deponierten Proviant mit den Mandibeln zu bearbeiten und festzudrücken (oben links). Diese Handlung dauert im Durchschnitt etwas mehr als eine halbe Minute. Dann kriecht es rückwärts wieder ganz heraus (oben rechts), dreht sich um die eigene Achse (unten links) und schlüpft mit dem Hinterleib zuerst wieder hinein (unten rechts), um mit den Hinterbeinen den Pollen von der Bauchbürste abzustreifen.

Osmia brevicornis blattschneidend

Ein Weibchen schneidet von einem Laubblättchen des Sonnenröschens (Helianthemum) ein kleines Stück mit seinen Mandibeln ab, stellt daraus durch »Zerkauen« einen Pflanzenmörtel her, mit dem die Rückwand und die Nestverschlüsse gebaut werden.


Osmia brevicornis - Nest

Ein fertiges Nest in einem Bambusröhrchen mit 5 mm Durchmesser. Die Länge des ganzen Nestes beträgt 11 cm, die des nektararmen Larvenproviantes mit den darin verborgenen Eiern 8 cm.

Osmia brevicornis - Larvenproviant

Vergrößerte Darstellung des Larvenproviants des obigen Nestes. In diesem Stadium sind weder Eier noch Larven zu sehen.


Osmia brevicornis - Nestverschluß

Der Nestverschluß besteht hier aus zwei Wänden, die aus Pflanzenmörtel hergestellt sind. Die zuletzt gebaute Wand ist stets nach innen versetzt.


Osmia brevicornis Larven

Ganz anders als bei den meisten übrigen solitären Bienenarten fressen die hier ca. eine Woche alten Larven den Pollenproviant gemeinsam.


Osmia brevicornis Kokons

Nach dem Verzehr des Pollen spinnt sich jede Larve einzeln in einem dunkelbraunen Kokon ein. Zuvor entleeren die Larven ihren Darm und hinterlassen zwischen den Kokons unzählige kleine Kotbällchen. Die Verpuppung findet rund 3 Wochen nach Fertigstellung des Nestes statt.


Blütenbesuch

Oligolektische, auf Brassicaceae (Kreuzblütler) spezialisierte Art. Pollenquellen: Rübsen (Brassica rapa), Raps (Brassica napus), Schwarzer Senf (Brassica nigra), Gemüse-Kohl (Brassica oleracea), Acker-Senf (Sinapis arvensis), Garten-Silberblatt (Lunaria annua), Wildes Silberblatt (Lunaria rediviva), Goldlack (Cheiranthus cheiri), Orientalische Rauke (Sisymbrium orientale), Gewöhnliche Nachtviole (Hesperis matronalis), Bleicher Schöterich (Erysimum crepidifolium), Schweizer Schöterich (Erysimum helveticum), Französische Hundsrauke (Erucastrum gallicum).. – Bei meinen Experimenten mit verschiedenen gleichzeitig angebotenen Kreuzblütern wurden Erysimum-Arten stark bevorzugt; kleinblütige Brassicaceen (z.B. Berg-Steinkraut Alyssum montanum) hingegen nicht genutzt. Die Weibchen sammeln auf einem Ausflug aber oft an zwei verschiedenen Brassicaceen-Arten.

Osmia brevicornis Männchen an Erysimum

Ein frisch geschlüpftes, noch kräftig rostrot behaartes Männchen beim Blütenbesuch an Goldlack. Die Männchen bevorzugen ebenfalls Kreuzblütler zur Eigenversorgung mit Nektar.


Osmia brevicornis pollensammelnd an Erysimum spec.

Ein Weibchen sammelt Pollen am Gänse-Schöterich (Erysimum crepidifolium), einer bei der Art besonders beliebten Pollenquelle.


Osmia brevicornis an Hesperis matronalis

In der zweiten Hälfte der Flugzeit besuchen die Weibchen sehr gerne auch die Gewöhnliche Nachtviole (Hesperis matronalis), die als zweijährige bis ausdauernde Pflanze sowohl wild vorkommt, sich aber auch als Zierpflanze in Gärten findet.

Kuckucksbienen

Nach einer 1938 von Möschler publizierten Beobachtung soll Stelis phaeoptera in Frage kommen, was ich aber für fraglich halte. An den von mir seit vielen Jahren beobachteten Nestern konnte ich jedenfalls nie eine Kuckucksbiene beobachten.

Phänologie

Univoltin. Flugzeit von Ende April bis Mitte Juni (in Südwest-Deutschland Männchen vom 6. April bis 28. Mai, Weibchen vom 25. April bis 5. Juli). Die Nistaktivität einzelner Weibchen kann bis zu 6 Wochen und länger dauern. Die Überwinterung erfolgt als Imago im Kokon.

Gefährdung und Schutz

Die Art ist derzeit nur von vergleichsweise wenigen, sehr zerstreuten Lokalitäten bekannt. Aufgrund des Museumsmaterials war sie in früheren Jahrzehnten im Siedlungsbereich offensichtlich häufiger. Ein Risikofaktor für die Bestandsentwicklung ist die Abhängigkeit von Totholzstrukturen in Verbindung mit einem ausreichenden Angebot (lange Blühzeitfolge) an Kreuzblütlern. Durch Nisthilfen in Form von Bambusröhrchen und Bohrungen in Hartholz mit 5 mm Durchmesser sowie die Kultur entsprechender Pollenquellen läßt sie sich bisweilen auch in Gärten ansiedeln. Zwar werden von der Art auch verlassene Nistgänge anderer Bienen nach vorheriger Reinigung besiedelt, doch empfiehlt es sich, neue röhrenförmige Hohlräume anzubieten, da diese sehr rasch angenommen werden und der Bruterfolg größer ist.

Anmerkung

Der tschechische Bienenkundler Tkalcu hat 1966 für diese isoliert stehende Art eine eigene Gattung mit dem Namen Metallinella aufgestellt. Die morphologische Sonderstellung wird auch in biologischer Hinsicht durch das vermutlich stark abgeleitete Nestbauverhalten untermauert.

 Seitenfang